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Offener Brief an Servus TV –Zwischen Symbolpolitik und Realität: Der blinde Fleck der Wolf-Debatte

Sehr geehrte Fr. Katrin Prähauser,

Sehr geehrtes Blickwechsel-Team,

Sehr geehrter Hr. Goetz Hoefer,

 

die Diskussion zwischen Max Mayr-Melnhof und Madeleine Petrovic in Ihrem Format Blickwechsel vom 9. April d.J. war aufschlussreich – insbesondere durch einen Satz mit weitreichender Bedeutung:

Der Wolf als „Chiffre für ein umfassendes ökologisches Denken“ – bei gleichzeitiger Anerkennung der österreichischen Kulturlandschaft.

Genau hier liegt der zentrale Widerspruch.

Denn dieses „umfassende ökologische Denken“ ist in Österreich längst Realität – nicht als Symbol, sondern als gelebte Praxis der Alm- und Bergbauern. Wir schaffen durch nachhaltige Bewirtschaftung jene artenreichen Lebensräume, die heute als schützenswert gelten, da braucht es keinen Wolf dazu!

Diese Kulturlandschaft ist kein Naturzustand, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Nutzung – und ihre Biodiversität ist untrennbar mit dieser Bewirtschaftung verbunden. Diese Kulturlandschaft weist eine Artenvielfalt auf, welche eine reine Wildnis nie leisten kann! Erst mit dem historischen Verschwinden großer Beutegreifer konnte sich diese Form der offenen, artenreichen Kulturlandschaft im Alpenraum überhaupt entwickeln.

Wer das anerkennt, muss auch die Konsequenzen tragen:

Die Rückkehr großer Beutegreifer verändert die Bewirtschaftungsgrundlagen massiv – nicht theoretisch, sondern konkret auf den Almen, bei den Herden und im Alltag der Betriebe.

Die von urbanen Konzepten geforderte Umsetzung von Herdenschutz ist für die gesamte Berglandwirtschaft weder finanziell noch arbeitswirtschaftlich realistisch. Erfahrungen aus Ländern wie Frankreich und der Schweiz zeigen zudem klar die Grenzen dieser Maßnahmen – bis hin zu massiven Rissereignissen trotz Schutz.

Wir können die von Herrn Mayr-Melnhof vorgebrachten Daten, Fakten und praktischen Erfahrungen aus unserer täglichen Arbeit auf Bergbauernhöfen vollumfänglich bestätigen.

Die Wolf-Debatte ist daher keine reine Artenschutzfrage, sondern eine Grundsatzfrage:

Welches Naturverständnis soll sich durchsetzen?

Ein theoretisches, vielfach urban geprägtes Konzept von Wildnis und Selbstregulation – oder eine einzigartig gewachsene, artenreiche Kulturlandschaft, die durch Nutzung entstanden ist und nur durch Nutzung erhalten wird.

Beides gleichzeitig im selben Raum zu maximieren, ist nicht realistisch.

Besonders deutlich zeigt sich diese Schieflage in der aktuellen Diskussion um den sogenannten „Günstigen Erhaltungszustand“.

Mit dem Ziel einer flächendeckenden Besiedelung mit Großraubtieren wird politisch wie medial häufig die Forderung nach massiv höheren Beständen abgeleitet – teils bis hin zu 500 Wölfe für Österreich.

Dabei wird jedoch ein entscheidender fachlicher Aspekt ausgeblendet:

Österreich ist kein isolierter Lebensraum, sondern Teil u.a. einer grenzüberschreitenden alpinen Population mit genetischem Austausch in mehrere Nachbarländer, welche bereits seit 2019 in einem Günstigen Erhaltungszustand ist. Die FFH-Richtlinie verlangt keinen isolierten Aufbau nationaler Einzelpopulationen, sondern die Bewertung im Kontext funktional vernetzter Populationen.

Daraus folgt:

  • Nicht die absolute Zahl an Wölfen innerhalb eines Staatsgebiets ist entscheidend

  • sondern die Einbindung in eine stabile Gesamtpopulation

Ein rein national definierter Zielwert von 200 - 500 Wölfen ignoriert diese Zusammenhänge und würde de facto eine flächendeckende Besiedelung Österreichs bedeuten – mit erheblichen Konsequenzen für die Kulturlandschaft.

Ein sachlicher Zugang berücksichtig daher einen maßvollen Beitrag Österreichs innerhalb der alpinen wie kontinentalen Gesamtpopulation – und nicht ideologisch überhöhte Zielzahlen. Ein maßvoller Beitrag für Österreich lässt sich in Anlehnung an das Schwedische Modell mit rund 3-6 Rudeln ableiten. Mit den aktuell mehr als 100 nachgewiesenen Wölfen haben wir somit in Österreich bereits den Günstigen Erhaltungszustand mehr als erreicht!

Ein weiteres Problem liegt darin: während öffentlich gefordert wird, die Stimmen der Bergbauern stärker zu hören, bleiben konkrete Gesprächsangebote aus der Praxis zu unserem Ärgernis immer wieder unbeantwortet.

Gerade deshalb richtet sich dieser Brief auch als Einladung an Sie:

Geben Sie den betroffenen Bergbauern, Weidetierhaltern und Familien im ländlichen Raum verstärkt Gehör. Bringen Sie deren Erfahrungen, Daten und Realität ebenso in die öffentliche Debatte ein.

Als Medium, das die österreichische Kulturlandschaft selbst immer wieder als Bühne nutzt, kommt Servus TV hier eine besondere Verantwortung zu. Vielleicht bietet sich gerade daraus auch eine große Chance:

Warum nicht eine Sommerproduktion ins Leben rufen, die die Menschen hinter dieser Landschaft sichtbar macht – Alm- und Bergbauern, Weidetierhalter, Familienbetriebe – und ihre interessanten Geschichten erzählt und was ein Leben mit Wölfen in unseren Berggebieten für diese Menschen bedeutet?

Eine solche Reihe könnte gleichzeitig eindrucksvoll vermitteln, welche Leistungen diese Kulturlandschaft tagtäglich für die gesamte Gesellschaft erbringt:

  • hochwertige Lebensmittelproduktion unter schwierigen Bedingungen

  • aktiver Klima- und Artenschutz durch Bewirtschaftung

  • Schutzfunktionen wie Lawinen- und Erosionsprävention

  • sowie der unschätzbare Wert als Erholungs- und Tourismusraum für breite Teile der Bevölkerung

Gerade diese Verbindung von Mensch, Natur und Verantwortung macht die alpine Kulturlandschaft einzigartig – und verdient es, stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt zu werden.

Eine solche Initiative könnte einen wichtigen Beitrag leisten, den Blick von abstrakten Debatten hin zur gelebten Realität zu lenken.

Die Konsequenzen der aktuellen Entwicklung sind klar:

Ein Naturschutz, der sich auf Symbole konzentriert, aber die reale Leistung der Bewirtschafter aus dem Blick verliert, gefährdet genau jene artenreiche Landschaft, die er zu schützen vorgibt. Eine politisch erzwungene Wiederansiedelung von Wölfen in unserer Kulturlandschaft setzt den täglich gelebten Arten- und Naturschutz der hart arbeitenden Alm- und Bergbauern aufs Spiel.

Abschließend möchten wir uns bei Max Mayr-Melnhof dafür bedanken, dass er mit seiner klaren und bewusst zugespitzten Aussage sowie in der Diskussion in Ihrer Sendung die Realität und die Sorgen vieler Bergbauern sichtbar gemacht hat.

Für weitere Fragen und zu einem kooperativen Austausch stehen wir sehr gerne zur Verfügung!

Mit freundlichen Grüßen verbleiben wir

Herbert Lackner                                              Stefan Brugger                       

Obmann ALMWEIDESCHUTZ.AT                 Obmann Weidezone Tirol         

 

 
 

ALM WEIDE SCHUTZ.AT
Verein zum Erhalt der Kulturlandschaft und gegen die Großraubtierverbreitung

 IBAN: AT31 3956 1000 0022 2844

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