top of page

Offener Brief an Frau Dr. Madeleine Petrovic –Zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Wolf-Debatte


Sehr geehrte Frau Dr. Petrovic,

Ihre Aussagen in der Diskussion bei Servus TV vom 9. April 2026 haben einen zentralen Punkt deutlich gemacht:

Sie sprechen vom Wolf als „Chiffre für ein umfassendes ökologisches Denken“ – und erkennen gleichzeitig die österreichische Kulturlandschaft als wertvoll an.

Genau an diesem Punkt beginnt jedoch ein Widerspruch, der nicht unbeantwortet bleiben kann.

Denn dieses „umfassende ökologische Denken“, von dem Sie sprechen, ist für uns Bergbauern und Weidetierhalter keine abstrakte Idee. Es ist tägliche Realität.

Es ist die Arbeit der Alm- und Bergbauern, die seit Generationen:

  • unsere Landschaften offenhalten und somit

  • Biodiversität aktiv fördern

  • unter schwierigsten Bedingungen wirtschaften

  • und Verantwortung für Tiere, Natur und Region übernehmen

Wenn der Wolf zum Symbol dieses Denkens erhoben wird, stellt sich zwangsläufig die Frage, warum genau jene Form des gelebten ökologischen Handelns der Bergbauern von Ihnen und Ihren Weggefährten zunehmend unter Druck gesetzt wird?

Ihre Bestrebungen nach mehr Beutegreifer in unserer Kulturlandschaft verändert die Bedingungen der Bewirtschaftung grundlegend – nicht theoretisch, sondern konkret auf Almen, bei Herden und im Alltag der Betriebe. Ihre vielfach geforderte flächendeckende Umsetzung von Herdenschutz ist dabei weder finanziell noch arbeitswirtschaftlich realistisch und zeigt in anderen Ländern klare Grenzen in der Wirksamkeit.

Besonders deutlich wird diese Problematik bei den damit verbundenen finanziellen Dimensionen:

Für einen flächendeckenden Herdenschutz stehen Schätzungen von bis zu rund 1 Milliarde Euro im Raum – Mittel, die gemäß Ihren Forderungen aus dem bestehenden Agrarbudget aufgebracht werden müssten.

Dem gegenüber stehen lt. Grünem Bericht 2025 jährliche Gesamtmittel für die Land- und Forstwirtschaft in Österreich von rund 2,7 Milliarden Euro sowie durchschnittliche Einkommen vieler Weidetierhalter von etwa 14.000 Euro pro Jahr.

Ihr Ansatz blendet nicht nur diese prekäre wirtschaftliche Realität aus, sondern nimmt bewusst in Kauf, dass die bestehende Form der Berglandwirtschaft noch mehr unter die Räder gerät – mit der Konsequenz, dass genau jene Bewirtschaftung zurückgedrängt wird, die die heutige Biodiversität überhaupt ermöglicht. Vor diesem Hintergrund ist Ihre Forderungen nach einer weiteren Umverteilung finanzieller Mittel zulasten der landwirtschaftlichen Betriebe absolut unverständlich und eine Arroganz gegenüber den Alm- und Bergbauern.

Für viele Betroffene entsteht dadurch der Eindruck, dass die Leistungen jener Menschen, die tagtäglich unsere Kulturlandschaft im Sinne eines umfassenden ökologischen Handelns pflegen, hochwertige Lebensmittel erzeugen und einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten, ihrerseits nicht anerkannt werden. Des Weiteren erzeugt es bei uns Unverständnis und Irritationen, dass die Kulturlandschaft und ihre Bewirtschafter von Ihrer Seite nicht als Grundlage des Naturschutzes gesehen werden, sondern als veränderbare Größe im Sinne eines anderen theoretischen Naturverständnisses.

In der Diskussion haben Sie zudem betont, dass Bergbauern stärker gehört und unterstützt werden müssen.

Diese Aussage ist richtig. Sie bleibt jedoch nur dann glaubwürdig, wenn sie auch in der Praxis gelebt wird. Bereits im Jahr 2022 wurde aus der landwirtschaftlichen Praxis heraus der direkte Dialog mit Ihnen gesucht – mit konkreten Schilderungen zur Situation vor Ort und der Einladung, sich selbst ein Bild zu machen. Eine Rückmeldung wurde in Aussicht gestellt. Ein Austausch ist bis heute von Ihrer Seite nicht zustande gekommen.

Gerade deshalb stellt sich eine grundlegende Frage: Wie ernst ist der vielfach geforderte Dialog mit den Betroffenen tatsächlich gemeint?

Die Wolf-Debatte zeigt, dass es nicht nur um Artenschutz geht. Es geht um ein bestimmtes Verständnis von Natur – und um die Frage, welches Modell sich in der Realität durchsetzt.

Wir halten dazu fest:

Ein Naturschutz, der in der Praxis zur Überforderung führt und die Grundlage der bestehenden Kulturlandschaft schwächt, kann kein nachhaltiger Weg sein.

Wenn der Wolf für ein „umfassendes ökologisches Denken“ steht, dann steht die Berglandwirtschaft für dessen tägliche Umsetzung.

Und diese Realität darf nicht zur Disposition gestellt werden.

Wir erwarten uns daher:

  • einen ernsthaften Dialog auf Augenhöhe mit den Betroffenen

  • die Anerkennung der praktischen Grenzen bestehender Maßnahmen

  • einen Naturschutz, der mit den Bewirtschaftern arbeitet – nicht gegen sie

  • dass Ihr Verein seine bisherige Praxis rechtlicher Schritte in Form von einer Anzeigenflut gegen Bergbauern, politische Vertreter und Interessenvertretungen kritisch hinterfragt und stattdessen den direkten Austausch mit den Betroffenen sucht

·         sowie die Bereitschaft, dass sich Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum – etwa im Rahmen eines mehrwöchigen Arbeitseinsatzes auf Bergbauernhöfen – ein realistisches Bild der Situation vor Ort machen. Denn erst auf Basis eigener praktischer Erfahrung in der alpinen Bewirtschaftung kann ein fachlicher Austausch glaubwürdig geführt werden.

Eines haben Sie uns mit Ihrer Argumentation bei Servus TV klar gemacht: der Wolf ist für Sie uns Ihre Gesinnungsgemeinschaft das Zugpferd Ihrer ideologischen Bewegung und wir Bergbauern werden hierfür als Kollateralschaden geopfert!

Mit Nachdruck und in Erwartung Ihrer Antwort verbleiben wir mit freundlichen Grüßen

Herbert Lackner                                              Stefan Brugger                       

Obmann ALMWEIDESCHUTZ.AT                 Obmann Weidezone Tirol        


  

 
 

ALM WEIDE SCHUTZ.AT
Verein zum Erhalt der Kulturlandschaft und gegen die Großraubtierverbreitung

 IBAN: AT31 3956 1000 0022 2844

©2023 von Alm & Weideschutz

Erstellt mit Wix.com

bottom of page