Der Einsatz von Herdenschutzhunden (HSH) aus Sicht der landwirtschaftlichen Praktiker
- Team ALMWEIDESCHUTZ.AT

- 11. März 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. März 2025
Im Gegenteil zu den Ländern im Alpenraum, haben in osteuropäischen Ländern wie der Türkei Herdenschutzhunde eine durchgängige Tradition. Herdenschutzhunde sind dort mit
Weidetierherden in abgeschiedenen teils menschenleeren Gebieten im Einsatz.
Herdenschutzhunde werden aus speziell dafür gezüchteten Rassen rekrutiert und sollten eine aufwendige mehrjährige Ausbildung durchlaufen bevor sie eingesetzt werden.
Für ihr sehr spezielles Anforderungsprofil kommen nur großkalibrige Hunde in Frage. In unseren Gegenden etwa der Pyrenäenberghund (auch Patou genannt) sowie der Maremmen-Abruzzen-Schäferhund. Berühmt berüchtigt ist auch der Kangal, ein ursprünglich in der Türkei gezüchteter Herdenschutzhund
(Vgl.: https://www.unsere-almen.at/herdenschutz-durch-herdenschutzhunde/).
Herdenschutzhunde haben somit dieselbe molossoider Prägung, wie zum Beispiel auch Cane Corso, Fila Brasileiro, Dogo Argentinooder Rottweiler, die alle in der z.B. bayerischen Kampfhundeverordnung aufgelistet sind. (vgl.: https://www.wochenblatt-dlv.de/feld-stall/tierhaltung/herdenschutzhunde-aerger-programmiert-559499)
Die Hunde wachsen bereits als Welpe in Herden auf, die sie später beschützen sollen. Gleichzeitig sollten sie eine gewisse Loyalität und Folgsamkeit dem Menschen gegenüber lernen, die aber nie das normale Ausmaß eines Haushundes erreichen wird. Herdenschutzhunde zeigen wenig Hang zur Unterwürfigkeit und lassen sich auch vom Menschen nur ungern etwas anschaffen. (Vgl.: https://www.unsere-almen.at/herdenschutz-durch-herdenschutzhunde/)

Bei diesen unterschiedlichen Herdenschutzhunderassen gibt es somit jene die laut Experten als „Dekoration“, sprich zum Verbellen dienen und den anderen möchte man lieber nicht begegnen, da sie im Verteidigungsmodus vor nichts und niemanden zurückschrecken. (Vgl.: KORA-Bericht Nr. 105, Jänner 2022)
Herdenschutzhunde sind teuer in Anschaffung und herausfordernd in der Haltung
Die mehrjährige Ausbildung ist aufwändig und entsprechend kostenintensiv. Ein einsatzbereiter Hund kostet dementsprechend zwischen 3.000 und 5.000 Euro. Das sind aber nur die Anschaffungskosten. Hunde müssen ganzjährig verpflegt werden, die Zusammenarbeit mit ihrem „Dienstgeber“ stellt für denselben eine große Herausforderung dar, wie die Praxis zeigt, selbst für erfahrene Hundehalter. Üblicherweise werden Hunde nicht von den Schaf- oder Ziegenbauern ausgebildet, deren Herden sie schützen sollen, sondern von darauf spezialisierten Betrieben.
(Vgl.: https://www.unsere-almen.at/herdenschutz-durch-herdenschutzhunde/)

Um überhaupt eine Chance gegen Übergriffe durch Wölfe zu haben sollten mindestens zwei oder mehr Hunde bei der Herde verbleiben und bei größeren Herden entsprechend mehr.
2021 waren in Österreich rund 8.014 Almen mit in Summe 259.400 GVE bewirtschaftet. Im Schnitt sind 32 GVE/Alm und 2/3 der Almen sind Einzelalmen. Um alle österreichischen Almen „wolfgeschützt“ zu behirten bräuchte es mind. 16.000 Hirten inkl. entsprechende Anzahl an HSH pro Sommersaison. Eine unvorstellbare Zahl in Anbetracht der touristischen Nutzung der Alpenregionen. Herden auf mind. 500 GVEs/Alm zusammenzulegen ist schon alleine aufgrund der kleinstrukturierten Besitzverhältnisse als nicht praxistauglich anzudenken.
Die Wirksamkeit von Herdenschutz durch Herdenschutzhunden hängt von vielen Einflussgrößen ab wie zB. Rasse, Ausbildung, Anzahl von Herdenschutzhunden, Einsatzgebiet u.v.m. Fakt ist, je zerklüfteter und bewaldeter Almgebiete sind umso wenige Effektivität ist beim Einsatz von HSH zu beobachten (Vgl.: KORA-Bericht Nr. 105, Jänner 2022).
Den hohen nötigen finanziellen Aufwand für Herdenschutzhunden steht die Einkommenssituation der zumeist kleinstrukturierten im Nebenerwerb tätigen Weidetierhalter in Österreich gegenüber:

Es gibt eine Vielzahl weiterer ungelöster Problemfelder beim Einsatz von HSH in den Alpenregionen
Neben einer begrenzten Effektivität beim Einsatz zur Wolfsabwehr bringen diese Hunde auch eine Reihe von Problemen mit. Die hohen Kosten und der Umstand, dass sie sehr eigenwillige Charaktere sind, die dennoch die führende Hand eines Hirten benötigen, wurden bereits erwähnt. Hunden allein kann man den Herdenschutz nicht überlassen. (Vgl.: https://www.unsere-almen.at/herdenschutz-durch-herdenschutzhunde/).
Dicht besiedelte Kulturlandschaft Alpenraum & Tourismus
Hier ist eine Reihe von Konfliktsituationen vorprogrammiert. Auf einer Weide, wo am Tag 20
Wanderer vorbeigehen, wird das nicht funktionieren. Die Erfahrung aus der Schweiz zeigt auch die Problematik mit unseren touristisch genutzten Almen auf. Dort werden mittlerweile rund 240 Herdenschutzhunde eingesetzt, wobei im Jahr 2020 rund 30 Beißattacken von Hunden auf die Wanderer und deren Hunde dokumentiert wurden.
(Vgl.: KORA-Bericht Nr. 105 Jänner 2022).
Auch in Frankreich kam es bereits zu ca.100 Beiss-Attacken von Herdenschutzhunden an
Touristen. Vor allem die Hunde, die durch ihre Arbeit gegenüber den Wölfen erschöpft sind, sind weniger geduldig gegenüber anderen Eindringlingen in ihr Gebiet. (vgl.: Vortrag in Grisons (CH) von Laurent Garde, CERPAM vom 29.8.2021)
Ihre ausgeprägte Standorttreue von HSH zu Vieh und Hof sowie ihre kompromisslose
Bereitschaft, ihr angestammtes Territorium zu verteidigen, werden bei Herdenschutzprojekten hervorgehoben. Dabei bleibt aber unerwähnt, dass diese Hunde selbständig entscheiden und keinen Unterschied zwischen einem streunenden Wolf oder einem Hund mit Halter, möglicherweise auch einem Urlauber oder Freizeitsportler machen. Sie erledigen ihre Aufgabe immer mit dem gleichen Ziel und dem gleichen Ergebnis. (vgl.: https://www.wochenblatt-dlv.de/feld-stall/tierhaltung/herdenschutzhunde-aerger-programmiert-559499).
Aufgrund dieser ungelösten Problematik und auch fehlenden Hirten, die auf den Umgang mit
Herdenschutzhunden geschult sind, wurde in der Schweiz bereits auch das Sperren von
Almgebieten für den Tourismus diskutiert.
Lärmschutz geht vor Herdenschutz
In Ortschaften mit vielen Nachbarn kann es nicht funktionieren. Wenn diese Hunde Gefahr wittern, bellen sie, und sie bellen lange.
(vgl.: Kritik an Programm für Herdenschutzhunde - kaernten.ORF.at, 26.12.2022).
In Deutschland werden mittlerweile Landwirte mit Herdenschutzhunden von Klagen wegen
Lärmbelästigung durch ihre Herdenschutzhunde eingedeckt. Es gilt Lärmschutz vor Herdenschutz und somit gibt es mittlerweile unzählige Verbote und Einschränkungen bei der Haltung von Herdenschutzhunden in Siedlungsgebiet. Beispielhaft hat das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalens in Münster (OVG) entschied, dass bei „unzumutbarem“ nächtlichem Gebell Herdenschutzhunde im Einzelfall und während der Nacht- und Mittagsruhe nicht draußen bleiben dürfen. So muss eine Landwirtin ihre Herdenschutzhunde gerade zu der Zeit einsperren, in der sie am dringendsten gebraucht werden. Denn die Herde der Landwirtin steht in einem ausgewiesenen Wolfsgebiet. (vgl. https://www.agrarheute.com/tier/wegen-gebell-herdenschutzhunde-duerfen-herde-nachts-schuetzen-611727) Die Frage der Haltung und Beherrschung dieser Hunde wird bislang vollkommen ausgeblendet Grundsätzlich regelt der Gesetzgeber nur sehr vage, dass hierzu eine ausbruchssichere
Unterbringung und ein geeigneter Hundeführer erforderlich sind.
Es steht außer Frage, dass hierfür weder minderjährige Kinder, noch die Großmutter als geeignete Hundeführer in Frage kommen. Selbst ein gestandenes Mannsbild dürfte mit einem 90-Kilo-Koloss an der Leine überfordert sein. Zwei oder mehr Hunde sind auch von mehreren Personen nicht mehr beherrschbar. (vgl.: https://www.wochenblatt-dlv.de/feld-stall/tierhaltung/herdenschutzhunde-aerger-programmiert-559499).
Für die Haltung von wirklich einsatzfähigen Herdenschutzhunde braucht man somit unbedingt eine persönliche Affinität zu diesen Hunden, an sonst endet es in einem Desaster für alle Beteiligten.
Jedoch ein Großteil der Weidetierhalter bringen weder die notwendigen psychischen
Voraussetzungen wie auch die notwendigen Haltungsbedingungen mit, welche für einen
erfolgreichen Einsatz von Herdenschutzhunden notwendig sind. Gerade die Weidetierhalter sind meist kleinere bis mittelgroße Betriebe in Berggebieten, welche Großteiles im extensiven
Nebenerwerb geführt werden. In Österreich sind rund 57% der landwirtschaftlichen Betriebe im Nebenerwerb tätig (Vgl.: Grüner Bericht 2022). Angriffe sind kaum vorhersehbar
Neben des niedrigen Domestikationsgrades der Herdenschutzhunde sind die mangelnde
Führigkeit und eine stark reduzierte Körpersprache insbesondere mit fehlenden Warnfunktionen ein großes Problem im Umgang mit Herdenschutzhunden. Ihr drolliges Aussehen mit einem langen Zottelfell und ihr stoischer Ausdruck verleiten den Laien sich in höchste Gefahr zu begeben.
Die Hunde drohen nicht vor Angriffen, sondern bleiben statisch und wirken auch im Vorfeld von Angriffen nahezu apathisch. Ihre Attacken finden dann explosiv und final statt. (vgl.: https://www.wochenblatt-dlv.de/feld-stall/tierhaltung/herdenschutzhunde-aerger-programmiert-559499).
Kurze Weidezeit – langer Winter ohne entsprechende Tätigkeit für die HSH In der weidefreien Zeit von Spätherbst bis Frühsommer sind die Herdenschutzhunde ohne
Aufgabe. Dann ist unerwünschtes und unkontrollierbares Aggressionsverhalten durch die
mangelnde Beschäftigung zu befürchten. (vgl.: https://www.wochenblatt-dlv.de/feld-stall/tierhaltung/herdenschutzhunde-aerger-programmiert-559499). In dieser Zeit müssen die Hunde über die Wintersaison adäquat versorgt und gehalten werden können. Davon kann Frau Sissy Lippitz, welche aufgrund von Beißattacken gegenüber Menschen auffällige Herdenschutzhunde aufnimmt, berichten
(Vgl.: www.securebase.eu/) .
Hohes Haftungsrisiko
Hinsichtlich der Haftung birgt diese Hundehaltung zusätzlich ein immenses Risiko für den Halter. Der Gesetzgeber unterscheidet in § 833 des Bürgerlichen Gesetzbuches ganz klar zwischen der Haltung von Luxustieren (§ 833 Satz 1) und Berufstieren (§833 Satz 2), die dem Erwerb des Tierhalters dienen. Grundsätzlich ist bei Verstößen gegen Halterpflichten mit
Personenschaden auch ein Strafverfahren gegen den Hundehalter die Regel. Zusätzlich
ist die Gemeinde verpflichtet, als Sicherheitsbehörde den Schutz der Öffentlichkeit vor
gefährlichen Hunden zu gewährleisten. Unter Umständen kann, bzw. muss die
Gemeinde die Wegnahme der Hunde oder deren Tötung anordnen. (vgl.: https://www.wochenblatt-dlv.de/feld-stall/tierhaltung/herdenschutzhunde-aerger-programmiert-559499).
Tierschutzrechtlicher Aspekt Es stellt sich auch die Frage inwieweit der Einsatz von Herdenschutzhunden zur Abwehr von
Wölfen durch entsprechende Kampfhandlungen unter tierschutzrechtlichen Aspekten
gerechtfertigt ist. Kämpfe von Hunden sind in Österreich nämlich zur Recht per Gesetz verboten. (Vgl.: https://www.oekv.at/media/upload/editor/files/%C3%96KV/Gesetze/Endbericht-sicherheitspolizeiliche_Hundegesetzgebung_-_08.03.2019(5).pdf )
In Frankreich sind 2020 trotz bestem Herdenschutz mit Zäunen, Hirten und tausenden
Herdenschutzhunde 12.276 Weidetiere durch Wolfsattacken getötet. Im Kampf gegen Wölfe
kamen auch 59 Herdenschutzhunde zu Tode. In Zeiten von KI und modernster Technologie ist es unverantwortlich rückgewandt auf Methoden wie „barbarischen“ Hundekämpfe zu setzen, was komplett den auf vielen Bergbauernhöfen gelebten Tierwohlgedanken widerspricht. Anstatt Millionen von Steuergeldern in nicht tierwohlorientierte Hundeprojekte zu lenken, sollte die EU in diesen Bereichen moderne Technologien mithilfe von KI entwickelt.
Und was an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben darf ist, dass in Gebieten, die von Wölfen
besiedelt sind, sich Hunde regelmäßig in Gefahr befinden, weil diese absolut in das Beuteschema von Wölfen fallen. Zahlreiche weltweite Berichte belegen Angriffe von Wölfen auf Hunde, welche entweder dann schwer verletzt und allzu häufig auch getötet werden. In Norwegen und Schweden fanden überwiegend die Angrifft von Wölfen auf Hunde bei der Jagd statt wo hingegen in Finnland die Angriffe zu 70% in der Nähe von Wohnhäusern stattfand. Innerhalb von 10 Jahren wurden in Norwegen und Schweden offiziell 152 Angriffe von Wölfen auf Hunde bestätigt. Vielmals werden diese Übergriffe von sog. Wolfsexperten beschwichtigt, damit keine Zweifel an der Sicherheitslage aufkommen. Die genauen Gründe für das aggressive Verhalten von Wölfen gegenüber Hunden haben Wissenschaftler bis heute nicht klären können. (vgl.: Frank. N. Möller; „Zur Hölle mit den Wölfen“; S.32 ff) Auswirkung auf den Lebensraum der Wildtiere in den Alpenregionen Es gibt auch keine Untersuchungen, wie sich ein großflächiger Einsatz von Herdenschutzhunden auf die Wildtiere in den Almgebieten auswirkt und wieweit diese durch die permanente Anwesenheit von Herdenschutzhunden unter ständigen Stress versetzt werden. Abschließend lässt sich anhand der aufgezeigten Problemfelder mit HSH sagen, die
Lifestock Protect Show-Projekte, wie jenes von Siegfried Salchenegger, dienen
vorwiegend der Akzeptanzbeförderung für Wölfe in urbanen landwirtschaftsfernen
Bevölkerungsschichten. Hingegen stellen sie für den Großteil der landwirtschaftlichen
Weidetierhalter keine praxistaugliche Lösung dar.
Im Gegenteil, es bringt die kleinstrukturierte Landwirtschaft wirtschaftlich wie emotional noch mehr unter Druck und befördert die Betriebsschließungen. Anzunehmender Weise ist das aber auch gewollte, weil nicht umsonst ist Max Rossberg gleichzeitig zu Lifestock Protect auch Geschäftsführer von Rewilding Europe und zertifiziert damit Wildnisgebiete.
(Andrea Pirker – geprüfte Hirtin u. praktizierende Landwirtin & MB Samm – Verein Almweideschutz.at; Feb 2025)




