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OFFENES SCHREIBEN zur zukünftigen Wolfspolitik in Österreich – Festlegung günstiger Erhaltungszustand

Sehr geehrter Herr Bundesminister Mag. Norbert Totschnig,

seit Monaten führen wir Gespräche, verfassen Stellungnahmen und bringen fachlich begründete Vorschläge zur zukünftigen Wolfs- und Bärenpolitik in Österreich ein. Leider bleiben zentrale Fragen bis heute unbeantwortet.

Gleichzeitig erreichen uns aus unterschiedlichen Richtungen zunehmend übereinstimmende Hinweise, dass im Hintergrund politische Festlegungen zum ‚günstigen Erhaltungszustand‘ des Wolfes für Österreich vorbereitet werden könnten. Dabei werden Zielgrößen von etwa 15–25 Rudeln (~200 Wölfe) genannt, die in weiterer Folge wissenschaftlich untermauert werden sollen.

Wir halten fest: Sollte sich bestätigen, dass eine Zielzahl politisch vorgegeben und anschließend durch eine beauftragte Studie abgesichert werden soll, würde dies das grundlegende Prinzip wissenschaftlicher Unabhängigkeit ins Gegenteil verkehren.

1. Wissenschaft darf keine nachträgliche Legitimation politischer Entscheidungen sein

Sie selbst, Herr Bundesminister, haben mehrfach betont, dass Sie für eine wissenschaftlich basierte Politik eintreten. Diesem Anspruch widerspricht jedoch jede Vorgehensweise, bei der das Ergebnis vor der Forschung feststeht.

Gerade beim hochsensiblen Thema Wolf – mit massiven Auswirkungen auf Almwirtschaft, Tierwohl, Kulturlandschaft, Tourismus und Sicherheit – braucht es eine transparente und interdisziplinäre Forschung, nicht vorab definierte Zielwerte.

2. Zweifel an der Unabhängigkeit kommender Studien

Bis heute sind wesentliche Fragen zur LEKO-Wolf Studie von Fr. Dr. Hatlauf, die in der öffentlichen Wahrnehmung überwiegend wolfsfreundliche Schlussfolgerungen zieht, unbeantwortet geblieben. Auch auf konkrete fachliche Nachfragen bei Fr. Dr. Hatlauf zur LEKO-Wolf-Studie erfolgte keine inhaltliche Reaktion. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass Folgeprojekte erneut maßgeblich von derselben wissenschaftlichen Akteurin bzw. Institution verantwortet werden sollen, ohne Einbindung weiterer unabhängiger Fachdisziplinen.

Unabhängig von Personen gilt: Studien, die ohne internationale und interdisziplinäre Besetzung vergeben werden, verlieren bereits bei ihrer Beauftragung an Glaubwürdigkeit!

Für eine tragfähige Entscheidungsgrundlage müssen insbesondere berücksichtigt werden:

·         die Bewertung des günstigen Erhaltungszustands auf Populationsebene

·         die realen alpinen Rahmenbedingungen

·         die Wirksamkeit von Herdenschutzmaßnahmen im Hochgebirge

·         die Risikoanalyse für Alm- und Weidegebiete

·         sowie die umfassende wissenschaftliche Bewertung der Leistungen der Almwirtschaft – von Lebensmittelproduktion, Offenhaltung der Kulturlandschaft und Biodiversitätssicherung bis hin zu Schutzfunktionen (Lawinen-, Erosions- und Vermurungsschutz) und ihrem hohen gesellschaftlichen Erholungswert – einschließlich einer nachvollziehbaren Abwägung gegenüber den Auswirkungen großer Beutegreifer auf diese Funktionen.

·         Prüfung der Möglichkeit einer wildtierbiologischen Raumplanung mit Schutzzonen

 

3. Politische Verantwortung kann nicht delegiert werden

Bei der Festlegung des günstigen Erhaltungszustands besteht – insbesondere im Kontext der grenzüberschreitenden alpinen Wolfspopulation – ein erheblicher fachlicher und politischer Gestaltungsspielraum. Österreich ist kein isolierter Verantwortungsraum, sondern leistet einen Beitrag zu einer bereits günstigen Gesamtpopulation. Genau dieser Beitragswert ist politisch zu verantworten.

Dieser Spielraum darf nicht stillschweigend verengt oder faktisch politisch als Kompromiss vorentschieden werden, sondern muss aktiv genutzt werden, um ein verhältnismäßiges, realitätsnahes und für die Alm- und Weidewirtschaft tragbares Ergebnis zu erzielen.

Politische Verantwortung bedeutet hier, nicht nur bestehende Positionen zu moderieren, sondern die inhaltliche Linie als Interessensvertretung ihrerseits klar vorzugeben.

Sollte der Eindruck entstehen, dass Zielwerte für den günstigen Erhaltungszustand vorab politisch definiert und anschließend wissenschaftlich abgesichert werden, wäre dies mit dem Anspruch auf ergebnisoffene Entscheidungsfindung nicht vereinbar und wäre geeignet, das Vertrauen der Betroffenen nachhaltig zu beeinträchtigen.

Österreichs Almwirtschaft ist politisch NICHT verhandelbar!

 

4. Unsere klare Erwartung

Wir fordern daher mit Nachdruck:

  • keine Vorfestlegung eines „günstigen Erhaltungszustands“ ohne offene wissenschaftliche Prüfung,

  • keine Beauftragung von Studien mit politisch vorgegebenem Ergebnis,

  • eine international und interdisziplinär besetzte Expertengruppe,

  • Einbindung der bäuerlichen Praxis als unverzichtbare Wissensquelle,

  • vollständige Transparenz über Zielsetzungen, Auftragserteilungen und Bewertungsgrundlagen.

 

5. Öffentlichkeit statt Hinterzimmer

Dieses Schreiben machen wir bewusst öffentlich. Nicht um zu polarisieren, sondern um Transparenz herzustellen. Die bäuerlichen Betriebe dieses Landes haben ein Recht zu wissen, ob über ihre Zukunft offen diskutiert oder hinter verschlossenen Türen entschieden wird. Artikel 4 des Berglandwirtschaftsprotokolls der Alpenkonvention verpflichtet zur Einbindung der Landwirte in Entscheidungen für Berggebiete – eine strukturierte Beteiligung der bäuerlichen Praxis ist daher unerlässlich.

Sollten die kolportierten Festlegungen nicht zutreffen, bietet dieses Schreiben die Gelegenheit zu einer klaren öffentlichen Richtigstellung.

Mit Nachdruck und in der Erwartung eines offenen Dialoges verbleiben wir

mit freundlichen Grüßen Almweideschutz.at & Weidezone Tirol & Save The Alps Für den Schutz von Weidetieren, Kulturlandschaft und alpiner Lebensrealität.

 

Herbert Lackner                                                         

Obmann ALMWEIDESCHUTZ.AT             

 

Stefan Brugger Obmann Weidezone Tirol Mag. Regina Stich Obfrau Save The Alps



 
 

ALM WEIDE SCHUTZ.AT
Verein zum Erhalt der Kulturlandschaft und gegen die Großraubtierverbreitung

 IBAN: AT31 3956 1000 0022 2844

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