Offener Brief an ORF-Ö1
- Team ALMWEIDESCHUTZ.AT

- 20. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Betreff: Kritik an der Sendung „Wie man Herdentiere und Wölfe schützt“
(Dimensionen – 05.08.2025)
Sehr geehrte Damen und Herren der Ö1-Redaktion, sehr geehrte Fr. Sonja Bettel,
mit großer Verwunderung und Irritation haben wir Ihre jüngste Sendung
„Wie man Herdentiere und Wölfe schützt“ verfolgt.
In dieser halbstündigen Ausgabe wurde u.a. Herrn Max Rossberg ein unkritisches Podium eröffnet – eine Rundfunkwerbung für seine sogenannte Herdenschutz-Konferenz, die laut unseren Informationen faktisch „abgebrannt“ ist: kaum 100 Personen waren anwesend, darunter Vertreterinnen von Tierschutz Austria, die bäuerliche Betriebe nach Wolfsrissen ohne Skrupel sogar anzeigen, wenn ihrer Meinung kein „Herdenschutz“ umgesetzt wurde.
1. Einseitige Darstellung & Bauernfeindliche Narrative
Rossberg durfte im Beitrag unwidersprochen behaupten, dass „Herdenschutz funktioniert – wenn man es nur will“. Damit wird ein Narrativ transportiert, wonach Landwirte angeblich aus Bequemlichkeit versagen.
Diese Aussage ist für viele Weide- und Bergbauern eine schallende Ohrfeige. Denn es ist eine Tatsache – und kein subjektives Empfinden, dass gerade diese Berufsgruppe bereits heute zu den härtesten und am stärksten belasteten Arbeitsbereichen in unserem Land zählt. Arbeitstage von 16 bis 18 Stunden sind in den Sommermonaten keine Ausnahme, sondern die Regel. Herdenschutzmaßnahmen, wie sie von Wolfsbefürwortern theoretisch gefordert werden, sind in vielen Regionen der Alpen nicht praktikabel umsetzbar – weder zeitlich, noch finanziell, noch topografisch.
Besonders scharf zurückweisen müssen wir die Behauptung der Redakteurin, wonach „Schafe und Ziegen alleine auf die Weiden und Almen gestellt werden und die Besitzer nur ab und zu vorbeischauen“. Diese Darstellung ist schlicht falsch und diffamierend gegenüber der bäuerlichen Praxis. Laut offiziellem Grünem Bericht 2024 waren im letzten Almsommer rund 7.400 Hirten auf Österreichs Almen beschäftigt, die tagtäglich für das Vieh Sorge tragen: sie beaufsichtigen die Tiere, reparieren und setzen Zäune, kontrollieren die Herden, melken und verarbeiten die Milch zu Käse und anderen Produkten direkt auf der Alm. Es ist daher nicht hinnehmbar, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender den Eindruck erweckt, das Almvieh würde im Sommer sich selbst überlassen oder gar verwahrlosen. Solche Aussagen sind nicht nur fachlich unhaltbar, sondern denunzieren jene Bäuerinnen und Bauern, die mit großem persönlichen Einsatz die Pflege der Almflächen und damit den Erhalt einer einzigartigen Kulturlandschaft gewährleisten.
Mit Ihrer einseitigen Berichterstattung reproduzieren Sie damit ein Bild, das die bäuerliche Arbeit abwertet, anstatt ihre Realität sichtbar zu machen.
2. Kosten- und Realitätsversprechen
Rossberg sagte weiters, wer den Wolf wolle, müsse auch für den Herdenschutz zahlen. In Wahrheit würde eine flächendeckende Umsetzung laut unserer Hochrechnung in Österreich über 1 Milliarde Euro kosten. Diese Zahl blieb im Beitrag unerwähnt.
Auch die in Tirol erwähnten erprobten „Pilotprojekte“ verschlangen enorme Summen – die Kosten wurden jedoch im Beitrag mit keinem Wort erwähnt. Transparenz sieht anders aus.
3. Kein Kulturkampf, sondern Kulturraub
Rossberg sprach von einem „Kulturkampf“ zwischen Wolf-Befürwortern und Gegnern. Doch das ist eine falsche Zuspitzung.
Niemand fordert die Ausrottung des Wolfs – mit weltweit rund 200.000–250.000 Individuen ist das ohnehin absurd. Auch niemand hat etwas gegen Wölfe, die in abgelegenen Regionen unauffällig leben.
Die Realität ist eine andere: Es handelt sich nicht um einen Kulturkampf, sondern um einen Kulturraub. Jahrtausendelang von Bauernhand gestaltete, biodiversitätsreiche Kulturlandschaften sollen durch fundamentalistische Wolfslobby-Initiativen in artenarme „Wildnis“ verwandelt werden. Finanziert wird dies seit Jahrzehnten über Steuermittel, insbesondere EU-LIFE-Programme, deren Zweckentfremdung längst bekannt ist (vgl. unsere Beschwerde beim Europäischen Rechnungshof, diverse Medienbericht).
Warum recherchiert und berichtet der ORF nicht über diese Missstände?
4. Schlussfolgerung
Mit Beiträgen wie diesem trägt ORF Ö1 dazu bei,
eine urbane, landwirtschaftsferne Bevölkerung zu manipulieren,
enorme Kosten und praktische Realitäten zu verschweigen,
bäuerliche Leistung zu entwerten und
Polarisierung statt Dialog zu befördern.
Unsere Erwartungen:
Eine journalistische Auseinandersetzung, die Wirklichkeitssinn, Kosten-Nutzen-Abwägung und die Perspektive der betroffenen Landwirte einbezieht.
Eine klare Gegenüberstellung von Behauptungen mit überprüfbaren Fakten.
Eine kritische Aufarbeitung der Förderpraxis rund um Wolfslobby-Projekte wie LIFEstockProtect.
Sie haben als öffentlich-rechtlicher Rundfunk, finanziert durch unser aller Steuergeld, den Auftrag, den Diskurs zu fördern – nicht ihn zu verzerren.





